Es ist schon lange her. Nun, da meine Knochen ihren unerträglichen Verfall beginnen, denke ich zurück an den Vorabend meiner Flucht, während der ich den geblühmten blauen Rock trug. Zu fliehen, das ist die größte und wandelbarste Kunst im Leben eines Menschen. Es ist zugleich der Schauplatz eines Kampfes zwischen Körper und Seele. In jener Nacht flohen wir vor dem Krieg. Wir packten sofort unsere Sachen, als wir in der bitterkalten Nacht zum Studentinnenwohnheim der Fakultät für chinesische Sprache an der Peking-Universität zurückkehrten.
Ich öffnete einen braunen Lederkoffer, den ich aus der Heimat im Norden Chinas mitgebracht hatte. Dieser Koffer war einst die Mitgift meiner Mutter gewesen. Er war auch ihr einziges Geschenk an mich gewesen, als ich zum Studieren an die Peking-Uni ging. Denn nachdem mein Vater an einer Lungenkrankheit gestorben war, hatte meine Mutter in eine andere Familie eingeheiratet. Ich hatte also diesen braunen Lederkoffer von meiner Mutter mit zur Peking-Uni geschleppt und ihn in den einzigen Kleiderschrank neben dem Kopfende des Bettes gestopft. Ein halbes Jahr war gerade vergangen, da öffnete ich den Koffer erneut. Seine beschränkte Größe verhinderte, dass ich allzu viele Dinge mitnehmen konnte.
Es ist schon lang her, meine alten Knochen beginnen bereits zu knirschen und knacken. Erinnerungen sind alles, was noch übrig bleibt...Erinnerung ist der Schlüssel des Lebens. Nur mit ihrer Hilfe kann man Fenster, Türen und Koffer öffnen. In jener Nacht, während der Evakuierung, umklammerte ich den braunen Lederkoffer fest. Als die Zeit gekommen war, waren meine Handflächen ganz feucht, mein Herzschlag wurde intensiver. Der Weg dieser Flucht lag für uns alle im Dunkeln. Nichtsdestotrotz zog ich vor dem Aufbruch noch würdevoll und ernst diesen geblühmten blauen Rock und schwarze Stoffschuhe an. Ich begab mich unter die Reihen der Fliehenden und entdeckte, dass ich keinesfalls die Einzige war, die einen Koffer mitnahm. Fast alle schleppten in diesem Chaos einen Koffer, es wurde sozusagen unser Erkennungsmerkmal.
Der Vorabend, das war der Prolog für eine Person und eine Gruppe von Menschen. Er war der Beginn meiner Jugend in Kriegswirren. Zuvor war ich mit diesem braunen Lederkoffer aus dem Süden in die Hauptstadt des Reiches gekommen. In diesem Frühling, den blauen geblühmten Rock tragend, bahnte ich mir meinen Weg durch ein Stimmgewirr so dicht wie gewebte Seide in den Gassen des Reiches. Die Hauptstadt dieses Reiches war langlebig und profund und sie hatte bereits unzählige Male die Feuertaufe von Kriegswirren bestehen müssen. Wir begannen also unsere Reise nach Süden. Unter den Menschen im Flüchtlingstreck befanden sich selbst unsere Universitätsleitung und unsere Professoren.
In der Masse erblickte ich unzählige Persönlichkeiten wie Shen Congwen, Yang Zhensheng und Mei Yiqi; Ye Gongchao, Zhou Peiyuan und Zhu Guangqian; Qian Ruisheng, Zhang Xiruo und Liang Zongdai; Feng Youlan und Wu Youxun; Shen Lü, Chen Futian, Pan Guangdan und Zhao Shichang. Zuletzt erblickte ich auch noch das schmerzerfüllte Gesicht Chen Yinkes, der gerade seinen Vater verloren hatte. Unser Flüchtlingstreck war aufgebrochen. Ganz gleich, wie heftig das Artilleriefeuer noch werden würde, die Legende dieses Trecks hatte bereits ihren Anfang genommen. An diesem Abend begannen wir unsere Reise, wurden wir also inmitten von Kriegswirren, deren Fortgang völlig ungewiss war, ins Exil gezwungen, in dem wir unsere Bildung und unsere Träume weiter verfolgen würden.
Umgeben von der pechschwarzen Nacht flohen wir aus Peking. Man spürte den Wagen nur, denn die Ladefläche war überfüllt. Sie hatte keine Plane als Abdeckung und es blieb kein spaltbreit frei. Körper der Menschen rieben sich aneinander, Rücken an Rücken, Schulter an Schulter, Brustkorb an Brustkorb...Die Flucht begann mit einem Lastwagen, der es kaum noch schaffte, anzufahren. Ich hörte das Geräusch, wie die Räder unter dem Wagen über eisbedeckten Asphalt rollten. Jedes Mal, wenn ich den Kopf anhob, blickte ich in Gesichter, die ausnahmslos kopflos vor Angst und ohne jede Hoffnung wirkten. Hoffnungslos ließen wir Körper und Seele auf diesem Wagen nieder. In dieser Hoffnungslosigkeit spürten wir, wie außergewöhnlich langsam die Zeit verging, als wir so durch die Nacht fuhren.
Später döste ich immer wieder ein. Ich stellte fest, dass es allen auf dem Wagen so ging. Der schleppende Rhythmus der Räder auf dem Eis wirkte wie ein Wiegenlied auf uns. Nach unzähligen Malen dieses Wegdösens – und nachdem unzählige Male Köpfe scheppernd zusammengestoßen waren – sollte die lange Nacht vorüber sein...und wir endlich Changsha erreichen.
Für unser Leben auf der Flucht war das Ziel unglaublich bedeutsam. Es wirkte wie der Ort, an dem wir Zuflucht suchen konnten, nachdem wir von der Peking-Universität hatten fliehen müssen.
Nachdem wir viele Tage auf dem Wagen durchgeschüttelt worden waren, hatten sich all unsere Wünsche und Sehnsüchte quasi in Luft aufgelöst. Jetzt wollte ich mir nur noch das Gesicht waschen. Sobald ich von dem Lastwagen gestiegen war, machte ich mich auf die Suche nach Wasser. Selbst ein paar Tropfen Regenwasser hätten genügt. In diesem Moment voller Erwartung und Verwirrung begann es, in der Abenddämmerung zu regnen. Dieser Herbstregen über Changsha, das war ein feiner Regen, der alles war, wonach ich mich gerade sehnte. Ich schaute nach oben, der Regen fiel mir auf die Wangen. Einige andere Frauen sahen mich und taten es mir gleich. So ließen wir in Changsha unsere von der Flucht gezeichneten Gesichter vom Regen waschen. Was würde uns wohl noch in Zukunft bevorstehen?
“Am 25. Oktober 1937 stand in Changsha der Tag des Unterrichtsbeginns bevor. Am 01. November sollte der Unterricht offiziell beginnen. Bis zum 20. November sollten an der Universität an den vier Fakultäten der Geistes-, Natur-, Ingenieurs- sowie Rechts- und Wirtschaftswissenschaften bereits 17 Institute mit 148 Dozenten (55 kamen von der Peking-Universität, 73 von der Tsinghua und 20 von der Nankai-Universität), 108 Verwaltungsmitarbeitern und 1452 Studierenden (inklusive temporärer Studenten und Studienanfänger) im Lehrbetrieb stehen. Die Hauptverwaltung und die drei Fakultäten Natur-, Ingenieurs- und Rechtswissenschaften wurden allesamt auf dem Gelände der Changsha Bibelschule eingerichtet. Die Fakultät für Literaturwissenschaften kam in einer Außenstelle der Nanyue-Bibelschule unter... Am 01. November sollte also der Unterricht offiziell beginnen (später wurde dieses Datum der Jubiläumstag der Vereinigten Südwest-Universität), doch es wurde an jenem Tag keinerlei Einweihungszeremonie vorgenommen. Am Vormittag nach neun Uhr ertönte Fliegeralarm in Changsha...“
Seitdem wir unsere Gesichter im Herbstregen gewaschen hatten, wusste ich, dass ich noch am Leben war. Der gesamte Weg unserer Flucht war von angsteinflößendem Geschrei begleitet worden. Glücklicherweise hatten wir uns, zusammengepfercht auf dem schwankenden Lastwagen, wenigstens gegenseitig trösten können. Außerdem hatte diese überaus holprige Fahrt alle anderen Sorgen über Leben und Tod in den Hintergrund rücken lassen. Vorerst waren wir wohl alle mit dem Leben davongekommen. Seit der Nacht des Beginns unserer Flucht hatte ich fast nur über zwei Dinge nachgedacht: Erstens war diese erste Flucht meines Lebens eine Frage des Überlebens. Blieb man zurück, stand einem der Tod bevor. Alle mussten fliehen, nicht zu fliehen war ein Ding der Unmöglichkeit. Nur so konnte man sein Überleben sichern und damit sein ein und alles. Zweitens ging es bei dieser Flucht in erster Linie ums Überleben, in zweiter Linie aber auch darum, die Universität abzuschließen. Nur auf der Flucht konnten wir unseren Traum von der Bildung verwirklichen. Es war der Traum meiner Jugend, mich zu bilden und einen Universitätsabschluss zu erhalten.
Aus diesem Grund stand ich nun vor dem Waschbecken und wusch meinen blau-geblühmten Rock. Er war mein liebstes Kleidungsstück. Ich konnte nicht zulassen, dass er dreckig würde. Tatsächlich hatte er ein paar Ölflecken. Die waren wahrscheinlich entstanden, als ich auf den Lastwagen geklettert war. Ich benutzte ein handflächengroßes Stück Seife, um die Flecken rauszuwaschen. Auf unserer Flucht war alles knapp. Dieses Stück Seife hatte ich aus Beijing mitgenommen, denn ich hatte eine starke Vorahnung gehabt. Selbst wenn wir uns in Changsha würden niederlassen können, wäre die Lage immer noch nicht stabilisiert. So war es dann auch gekommen und ich konnte nur eine leichte Schicht Seife auf die braunen Flecken auftragen, als ich den Rock wusch... Ich schrubbte ihn angestrengt und schließlich verschwanden die Flecken endlich. Ich wrang den Rock im Waschbecken aus und hängte ihn zum Trocknen auf einem der Stahldrähte vor dem Wohnheim auf.
那一天,我们女生宿舍的所有人都在清洗衣服,宿舍外一根早已生锈的铁丝上挂满了我们的衣服,我看着蓝花布裙感觉到了一种获得新生的喜悦。然而,这喜悦并不长久,我们听到了一阵阵来历不明的警报声。在乱世,所有东西都来历不明,警报之下将是什么?我本能地奔向我的蓝花布裙,本能在那一刹那告诉我,失去了什么,也不能失去我的蓝花布裙,它是母亲为我上北大而请裁缝量体裁剪而成的,它的降临,意味着我的青春期开始了,更为重要的是意味着我接受教育的时辰开始了。
An diesem Tag waren alle Studentinnen unseres Wohnheims damit beschäftigt, ihre Kleidung zu waschen. Die vor dem Wohnheim gespannten Stahldrähte, die schon lange rostig geworden waren, waren vollständig mit Kleidungsstücken bedeckt. Als ich meinen blauen Blumenrock so betrachtete, verspürte ich die Freude eines Neuanfangs. Diese Freude sollte allerdings nicht von Dauer sein. Wir hörten eine Reihe von Alarmen unbekannter Herkunft. In einem solchen Chaos ist alles unbekannter Herkunft. Was kündigte dieser Alarm wohl an? Instinktiv rannte ich zu meinem Rock, denn der Instinkt sagte mir in dieser Sekunde, ich könnte alles verlieren, außer diesem Rock. Meine Mutter hatte ihn mir zum Antritt meines Studiums an der Peking-Universität maßschneidern lassen. Dieser Rock hatte den Beginn meiner Zeit als junge Frau angekündigt und noch wichtiger, den Beginn meiner universitären Bildung.
我突然发现,当本能让我奔向那条蓝花布裙时,它在替我维护着青春的希望、母亲的嘱托、教育的理想……那条湿漉漉的蓝花布裙突然被我从生锈的铁丝上拉下来,女生们也纷纷奔向铁丝上水淋淋的衣服。我明白了,每个女生都拥有自己要命的、深藏诸多隐喻的玫瑰色、天蓝色、金黄色、翠绿色……的布裙,它们仿佛就是我们身体中的一面面旗帜。
Ich realisierte plötzlich, dass mich mein Instinkt auf diesen Rock zulaufen ließ, weil er die Hoffnung repräsentierte, meine Jugend zu beschützen, das Vertrauen meiner Mutter in mich und mein Ideal der Bildung... Ruckartig zog ich den nassen Rock von dem rostigen Stahldraht. Auch die anderen Mädchen liefen eine nach der anderen auf ihre tropfend nasse Kleidung zu, die auf dem Stahldraht aufgehängt war. Ich wusste, diese Mädchen hatten alle ihre rosefarbenen, azurblauen, goldfarbenen, jadegrünen Röcke, die als Metapher für so vieles standen... Sie waren wie symbolhafte Banner an unseren Körpern.
我们将湿漉漉的布裙拥抱在胸前,如果此时此刻局势需要我们突然奔逃,我们一定会拥抱着胸前的布裙,沿着一条天空之下轰鸣着警报声的迷津跑出去。
然而,警报声消失了。我仰起头,天空很灰暗,从我们逃亡的那一天开始,我就没有见过蓝天。尽管如此,我们还是要将衣裙重新晒在生锈的铁丝上。我相信,即使天气灰暗,我们的衣裙也一定会干的。有了这小小的信念,我们因惊恐而变得僵硬的手脚渐渐开始变得柔软。
Wir umklammerten also unsere Röcke vor der Brust. Wenn wir in diesem Augenblick plötzlich erneut fliehen müssten, dann würden wir auf jeden Fall unsere Röcke mitnehmen. Wir rannten wegen dieses dröhnenden Alarms verloren los. Dann verstummte er plötzlich. Ich hob den Blick, der Himmel war grau und dunkel. Seit dem Beginn der Flucht hatte ich keinen blauen Himmel mehr gesehen. Wie dem auch sei, wir mussten unsere Kleidung erneut auf der Wäscheleine aus Draht aufhängen. Ich glaubte die Kleidung würde sicherlich trocknen, auch wenn der Himmel grau und dunkel war. Aufgrund dieses Glaubens erwachten unsere Glieder wieder zum Leben, die zuvor starr vor Angst gewesen waren.
在南岳衡山脚下的临时大学文学院,我开始在阵阵的警报声中嗅到了秋野芳菲的味道。我抬头便看到了穿越战事硝烟的、我所仰慕的学者教授,他们穿着布衣西装,投入了临时大学的聚集地。我铭记了他们的名字:有朱自清、闻一多、叶公超、冯友兰、钱穆、金岳霖、汤用彤、陈梦家、吴宓、柳无忌,还有英国诗人兼诗歌理论家威廉·燕卜荪等。除此之外,还有我们的校友穆旦、王佐良、许国璋、赵瑞蕻等。
An dieser provisorischen Literaturfakultät am Fuße des Hengshan-Berges begann ich inmitten aufeinanderfolgender Fliegeralarme, die Gerüche des Herbstes wahrzunehmen. Ich hob den Blick und sah die Professoren, die ich bewunderte, wie sie den Rauch des Krieges durchquerten. Sie trugen Anzüge aus Baumwolle und strömten zum temporären Versammlungsort der Universität. Ihre Namen haben sich in mein Gedächtnis eingebrannt: Zhu Ziqing, Wen Yiduo, Ye Gongchao, Feng Youlan, Qian Mu, Jin Yuelin, Tang Yongtong, Chen Mengjia, Wu Mi, Liu Wuji und der britische Dichter und Literaturkritiker William Empson. Außerdem waren da noch unsere Kommilitonen Zhou Mu, Wang Zuoliang, Xu Guozhang und Zhao Ruihong.